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Zu Besuch in Erdmannsdorf

Vor 200 Jahren erwarb August Neidhardt von Gneisenau im niederschlesischen Erdmannsdorf ein Gut und machte es zu seinem Familiensitz. Heute ist dort eine Schule untergebracht

Von Hans-Jürgen Möhring

Dichtes  Laub bedeckt die Wege im Park von Erdmannsdorf, im Wasser des Teiches spiegelt sich eine späte Oktobersonne. Früh ist der Herbst in diesem Jahr in das Hirschberger Tal gekommen. Einige wenige Spaziergänger genießen die Stille, nur vom Schloss sind vereinzelt die Stimmen von Kindern zu hören. Geht man die kleine Anhöhe zu der von Karl Friedrich Schinkel im byzantinischen Stil entworfenen und einst als evangelisches Gotteshaus bestimmten Pfarrkirche hinauf, öffnet sich der Blick auf eine gepflegte Parkanlage, die zu einem der schönsten Landschaftsgärten Schlesiens gehörte.

„Die Gegend ist himmlisch, die Mittagsseite (zur Schneekoppe) großartig, die Mitternachtsseite (nach Lomnitz) höchst lieblich. Da sind Wälder und Teiche und Waldung und die schönsten Wiesen. Ich hoffe mit einiger Verstandesanstrengung eines der schönsten Güter zu bilden, das die Erde hat.“ Diese Zeilen schrieb August Graf  Neidhardt von Gneisenau, der nach Angriffen konservativ-reaktionärer Kreise am Königshof seinen Abschied genommen und sich auf sein Gut in Schlesien zurückgezogen hatte, am 27. November 1816 an die Gemahlin des Generals von Clausewitz. Gneisenau war  durch seine Frau Karoline, geb. von Kottwitz, in den Besitz des  Gutes Mittel-Kauffung im schlesischen Schönau gekommen. Im Herbst 1816 tauschte er dieses Besitztum gegen das Gut Erdmannsdorf  ein, allerdings musste er dazu noch 105.000 Taler in bar bezahlen.

Gneisenau als Bauherr

Gneisenau ließ die Nebengebäude und das Haupthaus des Gutes, eine kleine barocke Dreiflügelanlage, nach Entwürfen des Baumeisters Karl Joseph Raabe modernisieren. In dem Brief an Frau von Clausewitz lesen wir: „Da sitze ich nun und lasse mein hiesiges Haus zur Winteraufnahme meines zahlreichen Hausstandes einrichten, lasse verfallene Wirtschaftsgebäude abtragen, um sie gefälliger und schicklicher da aufzubauen  wohin sie eigentlich gehören. Da ich hier mit Buchwald, Stohnsdorf, den Gütern der Grafen Schaffgotsch und Mattuschka und der Stadt Hirschberg gränze, so fehlt es nicht an Gesellschaft und Besuchern, und ich habe meine nachbarlichen Obliegenheiten treulich erfüllt. So lebe ich in den Freuden und Erwägungen einer neuen Schöpfung.“

Um Platz für seine große Familie zu schaffen – Gneisenau hatte sieben Kinder – wurde der zweigeschossige Bau um ein so genanntes Mezzaningeschoss mit Belvedere und aufgesetzter  Kuppel erhöht, der U-förmige Hof in einen Wintergarten mit fünf hohen Bogentüren und einem Pflanzgarten im ersten Stock umgebaut. Vom Belvedere aus bot sich dem Betrachter ein großartiger  Blick auf den Kamm des Riesengebirges. Gneisenau selbst wählte wegen der herrlichen Aussicht  eines der oberen Zimmer für sich als Arbeitsraum. Bald schon entfaltete sich im Schloss ein reges Familienleben.

Sommerresidenz der Hohenzollern

Nach Gneisenaus Tod im Jahr 1831 erwarb König Friedrich Wilhelm III. von den Erben das Schloss und die Ländereien als Sommerresidenz. Der preußische König hatte Erdmanndorf schon mehrfach besucht, als dieses noch im Besitz Gneisenaus war. Doch als Grundherr kam er erstmals im August 1835. Unter Leitung Karl Friedrich Schinkels wurde1834 südwestlich des Schlosses ein schlichtes klassizistisches zweistöckiges Kavaliershaus errichtet. Schinkel, der im Mai 1836 im Auftrage des Königs den Entwurf für die nahe Hofkirche fertigstellte, beriet Friedrich Wilhelm III. bei den weiteren Instandsetzungsarbeiten am Schloss. Der hufeisenförmige barocke Bau wurde neu verputzt und in den Lieblingsfarben des Königs hellblau-hellgrau gefasst  sowie das Innere neu möbliert. Das Hirschberger Tal in Schlesien sollte nach Schinkels Vorstellungen ein Refugium werden. Hier sollte sich die königliche Familie von der Politik und der Berliner Gesellschaft erholen und auf das wahre Leben zurückbesinnen können – ganz so, wie es sich die verstorbene Königin Luise erträumt hatte.

Nach dem Tod Friedrich Wilhelm III. 1840 behielt seine Witwe Auguste Fürstin von Liegnitz  den Besitz von Erdmannsdorf, verkaufte ihn aber kurz darauf an den Nachfolger König Friedrich Wilhelm IV. Nun erfolgte durch Friedrich August Stühler die maßgebliche  Umgestaltung des Schlosses im Stil der englischen Gotik. Bis 1844 wurde der barocke Hauptbau um ein zinnenbekröntes Geschoss aufgestockt und an der Westseite durch einen Aussichtsturm ergänzt. Zur Südseite hin entstand ein flach gedeckter eingeschossiger Speisesaal mit zwei aufragenden gedrehten Schornsteinen, für die das Kavaliershaus weichen musste.

Bis 1909 blieb Erdmannsdorf Sommersitz der Hohenzollern, dann wurde das Kronfideikommissgut durch Kaiser Wilhelm II. aufgelöst, das Inventar und die Kunstsammlungen versteigert oder nach Berlin überführt, wo diese mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vollständig zugrunde gingen. 1945 plünderte die Rote Armee das Schloss und zerstörte es erheblich. In ein Nebengebäude zog die staatliche Brandweinbehörde ein.

Investor gesucht

Erdmannsdorf  heißt heute Mysłakowice, die einst protestantische Kirche Schinkels ist nunmehr katholisch. Im Schloss ist seit 1951 eine Schule untergebracht. Wo früher der Speisesaal war, wird jetzt geturnt und Handball gespielt. Auf den Schornsteinen  haben sich Störche eingenistet. Auf der Rückseite des Schlosses steht unter alten Bäumen ein Fußballtor, bei warmem Wetter findet der Sportunterricht im Freien statt. Der Blick von außen in die Klassenzimmer lässt heute kaum mehr erahnen, wie es zur Zeit Gneisenaus im Innern ausgesehen hat.

Seit 2013 ist das Schloss zum Verkauf ausgeschrieben, von dem Erlös soll ein neues Schulgebäude mit einer modernen Sporthalle gebaut werden. Bis sich ein Investor gefunden hat, bleibt die einst königliche Residenz im Besitz der Gemeinde – wofür man letztlich dankbar sein muss, denn ohne die Schule wäre das Gebäude wohl längst verfallen.

Literatur

- Arne Franke (Hrsg.), Kleine Kulturgeschichte der schlesischen Schlösser. 150 Adelssitze im Porträt, Band 1, Niederschlesien; Bergstadtverlag, 2015
- Angelika Marsch, Blick auf das Hirschberger Tal einst und jetzt, Fundacja Dominium  Łomnica, 2007
- Hans-Dieter Rutsch, Das Preussische Arkadien. Schlesien und die Deutschen, Rohwolt Berlin, 2014